Unser Sachbuch des Jahres 2012: „Politische Psychologie heute?“

Buchcover Polit. Psychologie heute?

 

 

Politische Psychologie heute?

Themen, Theorien und Perspektiven der psychoanalytischen Sozialforschung

Herausgegeben von Brunner, Markus; Lohl, Jan; Pohl, Rolf; Schwietring, Marc; Winter, Sebastian. Psychosozial-Verlag, Gießen, Juni 2012

Psychologisches Sachbuch des Jahres 2012 des Museums für Psychologie

Wann haben Tagungsbände das Zeug, gute Einführungen in den Fachbereich zu sein? Vielleicht wenn die Tagung dazu diente, sowohl eine Bestandsaufnahme als auch eine Neubegründung des Fachbereichs zu bewerkstelligen. Die Arbeitsgemeinschaft Politische Psychologie an der Leibniz Universität Hannover veranstaltete diese Tagung im Dezember 2009. Wenig Lamentieren über die Marginalisierung des Fachbereichs, kaum (noch) Diskussionen über die kritikwürdigen Fehlgriffe während der Hochzeit des Faches in der bundesdeutschen Nachkriegszeit. Stattdessen erliest sich hier die Vitalität der aktuellen akademischen politischen Psychoanalyse.

Psychoanalytische Sozialforschung als Politische Psychologie

Die verschachtelte Selbstbezeichnung im Buchtitel deutet sowohl die weitreichende Interdisziplinarität als auch Abgrenzungsbedürfnisse innerhalb der bestehenden akademischen Szene an. Das Buch diskutiert zunächst Theorien, mit deren Hilfe menschliche, gesellschaftliche Entwicklung in ihrer Verquickung von Sein und Bewusstsein analytisch gefasst werden kann. Es geht hier also um nicht mehr und nicht weniger als um eine spezifische Erkenntnistheorie, die die menschlichen Entwicklungsdynamiken zu erfassen vermag. Die sieben ersten Aufsätze geben in diesem Sinne eine Einweisung in das theoretische Instrumentarium der politischen Psychologie, mit dem an dieser Erkenntnistheorie gearbeitet wird. Mehrere Beitragende machen vor allem die Fortführung der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule stark, die als erste die psychologischen Aspekte der Vergesellschaftung systematisch herauszuarbeiten versuchte. Die Tradition Mitscherlichs hingegen, dessen Kollektivdiagnosen hier als „herablassend“ (S.41) bezeichnet werden, findet dabei keinen Eingang in das Projekt. So werden – erfreulicherweise ohne Redundanz -,  im Laufe der ersten 160 Seiten die für die AutorInnen relevanten Theorien eingeführt, indem sie sich kritisch auf sie beziehen und sie  zueinander anordnen. Besondere Aufmerksamkeit erfahren dabei folgende AutorInnen und Konzepte: Sigmund Freud (Analyse, Unbewusstes, Trieb, „Unbehagen in der Kultur“), Theodor W. Adorno (autoritäre Persönlichkeit), Michel Foucault (Technologien des Selbst), Judith Butler (Queer Theory), Alfred Lorenzer (historisch-materialistische Reformulierung der Triebnatur), Cornelius Castoriadis (Gesellschaft als imaginäre Institution) und Pierre Bourdieu (Habitus).

Nur knapp werden werden Anküpfungs- und Abgrenzungspunkte bei Jaques Lacan, Harald Welzer, Karl Marx, Herbert Marcuse, Wilhelm Reich und Erich Fromm erörtert. Es werden am Rande auch neuropsychologische Diskurse diskutiert. Psychologische Fachkenntnisse werden bei der LeserInnenschaft jedoch nicht vorausgesetzt. Daher wendet sich der Band gerade an GesellschaftswissenschaftlerInnen mit sozialphilosophischen Grundkenntnissen, die die Psychoanalyse befragen möchten. Einschränkend ist anzumerken, dass Reibungspunkte mit der Holzkampschen Kritischen Psychologie kaum angeführt werden. Das wäre für aussenstehende Interessierte hilfreich, die das Buch wie wir als Einführung lesen. Für Studierende der Psychologie wiederum könnte das Buch zu voraussetzungsreich sein, um es als Einstieg in den sozialwissenschaftlich informierten Fachbereich zu lesen.

Erinnert wird an die Psychoanalyse als unmittelbar sozialwissenschaftliche Methodik: Das Subjekt ist immer ein gewordenes und weiterhin werdendes. Seine Konflikte haben einen Verlauf in der Zeit, den es nachzuvollziehen gilt. Und seit Freud können auch die Sozialwissenschaften bei dieser Analyse auf weitere Dynamiken, nämlich das Unbewusste und Triebhafte, zugreifen und dadurch vollständigere Bilder menschlicher Geschichte zeichnen. Das passiert jedoch bisher kaum. Psychoanalytische Kategorien in sozialwissenschaftliche Analysen einzubeziehen stößt vielerorts auf Skepsis. Wie genau das jedoch wissenschaftlich stringent möglich ist, zeigt dieser Band. Am Rande bemerkt vermag der vorliegende Band auch dazu beizutragen, die Psychoanalyse zu entmythologisieren, indem er ein paar grundlegende Begriffe der Freud-Kritik (von heute) an die Hand gibt und damit auf neuere Entwicklungen in der Psychoanalyse neugierig macht. Dadurch qualifiziert sich das Werk als gelungene Momentaufnahme kritischen Denkens in einer Zeit, in der die Sozialwissenschaften verstärkt darauf angewiesen sind, sich mit der sogenannten Psychologisierung der Gesellschaft auseinanderzusetzen.

Subjekttheorien aus der Praxisanalyse ableiten

Das zentrale Problem, dem sich die theorieorientierten Beiträge von verschiedenen Seiten nähern, ist die Auffassung dessen, was ein Subjekt ist bzw. wie es sich in Subjektivierungsprozessen beständig herausbildet. Bei aller Unterschiedlichkeit der vorgestellten Konzepte durchzieht die Beiträge dabei eine Gemeinsamkeit. Ihr dialektischer Subjektbegriff resultiert in einer dialektischen Methodik, die die beständige Modifikation des Modifizierten zu fassen vermag. Durch die Analysen sehr unterschiedlicher konkreter (psycho-)sozialer Prozesse im zweiten Teil des Buches gelingt es, die Ableitung der Theorien aus der menschlichen Praxis heraus vorzunehmen und damit ihre Stichaltigkeit zu demonstrieren. In insgesamt fünf Beiträgen über zusammen 110 Seiten werden Konfliktfälle analysiert, die thematisch gruppiert in den Abschnitten „Geschlecht und Sexualität“ sowie „Integration und Ausgrenzung“ zu finden sind. Von individuellen Konflikten bei Jugendlichen über Ideologien (Faschismus, Rassismus, Antisemitismus) bis zu medialen politischen Inszenierungen – psychische Dynamiken werden analysiert und begrifflich gefasst, ohne eben in Essentialismen oder Modellen zu enden. Der zweite Teil des Buches macht auch den Anspruch sichtbar, nach welchem politische Psychologie sich nicht nur über theoretische bzw. methodische Ansätze definiert, sondern auch über die politische Problemorientierung.

Psychologisches Sachbuch des Jahres 2012 des Museums für Psychologie

Mit diesem etwas auftragenden Titel möchten wir lediglich eine Leseempfehlung geben! Uns hat das Werk geholfen , unsere Begriffe weiter zu schärfen und unser Museumsprojekt genauer beschreiben zu können.  Wir haben aufschlussreiche Einblicke in verschiedene Forschungsprojekte bekommen. Schlussendlich finden wir die meisten Beiträge auch so gut geschrieben, dass sich auch Spass am Lesen einstellt und hoffen, zur verstärkten Rezeption des Buches beizutragen.

 

Inhaltsverzeichnis des Buches
Politische Psychologie heute? Einleitung (Markus Brunner, Jan Lohl, Rolf Pohl, Marc Schwietring & Sebastian Winter)

Positionsbestimmungen

Warum brauchen die Sozialwissenschaften die Psychoanalyse? (Lilli Gast)

Psychoanalytische Politische Psychologie heute. Zwischenbilanz und Perspektiven (Hans-Joachim Busch)

Traditionen, Brüche und Neubewertungen

Ein unterschätzter Klassiker: The Authoritarian Personality. (Gudrun Brockhaus)

Das Subjekt der Psychoanalyse als emanzipative Ressource. (Alfred Krovoza)

Theoretische Verknüpfungen

»Ja, was könnte ich noch ändern?« Subjektivierung weiblicher Adoleszenter – Annäherungen zwischen Psychoanalyse und Poststrukturalismus. (Greta Wagner)

Triebnatur in Question. Alfred Lorenzers historisch-materialistische Psychoanalyse meets Judith Butlers Queer Theory. (Julia König)

Im Schutze der Unbewusstheit. Ansätze zu einer psychologischen Fundierung des Habitusbegriffs im Werk Pierre Bourdieus. (Michael Zander)

Integration und Ausgrenzung

Zur Politischen Psychologie des Antisemitismus. (Samuel Salzborn)

Muslimenfeindschaft. Notizen zu einer neuen ideologischen Formation. (Guido Follert & Mihri Özdogan)

»Ich habe mein Dorf noch nie gesehen, doch eines Tages werden wir dorthin zurückkehren« Adoleszenz und politische Sozialisation in einem Flüchtlingscamp in der Westbank. (Christoph Heiner Schwarz)

Geschlecht und Sexualität

»Körper, Liebe, Doktorspiele«. Aufklärungskampagnen und Verklärungspolitik. (Isabelle Hannemann)

Arbeit und Fürsorge im Wandel? Verhandlungen des Geschlechterverhältnisses bei Eltern von kleinen Kindern. (Anke Kerschgens)

Metapsychologie und Methodologie

George W. Bushs Krieg gegen den Terrorismus als neokonservative Antwort auf den überfälligen Kampf gegen die Klimakatastrophe Psychoanalytische Rekonstruktion der Wirkungsweise politischer Inszenierungen. (Hans-Dieter König)

Soziologisch-psychoanalytisch integrierte Fallstudien. Über das methodische Vorgehen in einer radikal interpretativen Untersuchung. (Karola Brede)

Wozu noch Metapsychologie? (Christine Kirchhoff)

Autorinnen und Autoren

 

Politische Psychologie heute? Themen, Theorien und Perspektiven der psychoanalytischen Sozialforschung

Herausgegeben von Brunner, Markus; Lohl, Jan; Pohl, Rolf; Schwietring, Marc; Winter, Sebastian. Psychosozial-Verlag, Gießen, Juni 2012

Buchreihe: Psyche und Gesellschaft. 371 Seiten, Broschiert, Format: 148 x 210 mm. Preis: 36,90 Euro. ISBN-13: 9783837921182, Bestell-Nr.: 2118

 

Politische Psychologie heute? Buch des Jahres 2012

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